Denzels Geschichte: Kapitel 4

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Während die Erwachsenen nach und nach weggingen, blieben ungefähr zwanzig Kinder als Sektor 7-Suchtrupp zurück. Denzel wußte, daß man die neue Stadt Edge nannte und sie sich rasch vergrößerte. Er wußte auch, daß man dort Einrichtungen für Waisen gebaut hatte. Er und seine Freunde jedoch halfen bei dem Bau der Stadt und lebten ohne sich auf Erwachsene zu verlassen. Es war, als hätten sie keinen Grund, jenen Ort zu verlassen. Einige meinten auch, daß es uncool wäre als Waise bezeichnet und beschützt zu werden.

Der Stadtbau jedoch erreichte schon bald eine neue Stufe, die wenig mit der Selbstgefälligkeit der Kinder zu tun hatte. Nun standen Arbeiten im Mittelpunkt, die von großen Maschinen erledigt wurden, die man aus den unterschiedlichsten Gegenden herbrachte. In der Zeit, in der Denzel und seine Freunde mit vereinten Kräften gerade einmal ein einziges kurzes Stahlteil herbeischleppten, hatte einer der großen Kräne bereits ein ganzes fertiges Haus herbeigetragen. Nach und nach verlor der Suchtrupp an Mitgliedern. Als Denzel eines Tages seine Kameraden zählte, waren – ihn eingeschlossen – gerade einmal sechs Leute übrig geblieben. Alle hatten Hunger. Schließlich meinte auch das letzte Mädchen, sie würde ebenfalls nach Edge gehen.

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Denzel kicherte.

„Was ist?“, meinte Reeve und sah ihn fragend an.

„Ich hab das Mädchen nicht gemocht. Obwohl Männer sagen, daß Frauen nur ein Klotz am Bein sind, wollten alle unbedingt in die gleiche Gruppe wie sie. Seit unsere Zahl unter Zehn gesunken war, war die Arbeit ja sowieso schwer zu erledigen.“

Auch Reeve lachte.

„Aber jetzt versteh ich es. Damals – wie soll ich sagen – war ich wieder so weit, daß ich mich um alltägliche Dinge sorgte und mich darüber aufregen konnte.“

„Da kannst du dich bei dem Mädchen bedanken.“

„Sie… lebt nicht mehr.“

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Als er eines Tages aufwachte, mußte Denzel feststellen, daß die Zahl des Suchtrupps auf ihn und einen Jungen namens Rikks geschrumpft war.

„Also, ab jetzt heißt es vor allem Schrauben und Glühbirnen suchen gehen“, meinte Denzel lachend.

„Das wird uns aber nicht viel einbringen“, antwortete Rikks ebenfalls feixend.

„Ich geh mal Frühstück kaufen. Und uns dabei gleich auch Arbeit suchen.“

„Dann warte mal kurz.“ Rikks ging zum Geheimversteck ihrer Sparbüchse und hob den Deckel hoch. „Mist, Denzel! Wir sind fast pleite!“ In der Sparbüchse war nur noch so wenig Geld übrig, daß sie sich nicht einmal eine Scheibe Brot davon hätten kaufen können.

Die beiden saßen eine Weile schweigend nebeneinander. Rikks war derjenige, der als erster sprach.

„Jetzt bleibt uns nichts mehr anderes übrig als in Edge zu leben. Sie sagen, man bekommt dort umsonst zu essen.“

„Dann haben wir verloren.“

„Ja, scheint so. Aber ich möchte ja nicht vor Hunger sterben.“

Plötzlich erinnerte sich Denzel an die Worte seines Vaters.

„Wir können Ratten fangen und sie essen!“

„Ratten?“

„Ja, man sagt, daß die Leute in den Slums arm sind und deswegen Ratten essen. Schmutzige, graue Ratten. Wir sind hier ja in den Slums und wir sind arm.“

„Ist das dein Ernst?“

„Ja, ich werde Ratten essen! Ich werde ein echtes Kind der Slums!“

Rikks stand langsam auf und klopfte sein staubiges Hemd und die Hosen aus. Auch Denzel stand auf und betrachtete die Umgebung.

„Da drüben gibt es einen Speer.“

„Dann mach’s doch allein. Ich bin seit meiner Geburt ein Kind der Slums.“ Als Denzel seinen Fehler bemerkte, versuchte er ihn wieder auszubügeln.

„Das… wußte ich nicht.“

„Und was wäre gewesen, wenn du’s gewußt hättest? Wären wir dann keine Freunde geworden?“

„Das stimmt nicht!“

„Keine Ahnung. Du bist ja so ein verwöhntes Kind von oberhalb der Plattform.“

„Rikks…“

„Merk dir eins: Die Ratten von hier sind wegen eurem Abwasser mit schrecklichen Bakterien verseucht. Niemand auf der Welt würde so was essen!“

Mit diesen Worten ging Rikks fort.

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Denzel seufzte.

„Ich bin ihm nicht hinterhergelaufen. Ich habe mir gedacht, er würde mir sowieso nicht verzeihen…“

„Warum das denn?“

„Weil ich wirklich ein Kind von der Plattform war. In der Nähe des Bahnhofes oder in der trümmerübersäten Umgebung von Sektor 7 zu leben, war kein Problem für mich, weil ich mich schon daran gewöhnt hatte. Aber ich wollte auf keinen Fall in andere Gegenden der Slums. Ich glaube, ein Grund warum ich nicht nach Edge gehen wollte war der, daß ich dachte, dort wäre es auch so wie in den Slums – ein schmutziger, armer Ort.“

„Was wurde aus Rikks?“

„Ihm geht es gut… auch wenn er noch immer nicht wieder mit mir redet.“

„Dann ist ja gut. Du hast immer noch die Chance, eure Freundschaft zu retten.“

* * *  * * *  * * *

Denzel spitzte das eine Ende eines weggeworfenen Stockes zu einer Art Lanze und ging damit auf Rattenjagd. Er hatte vor, sie zu fangen und zu essen. Papa. Die Menschen aus den Slums machen so etwas nicht, daß sie Ratten essen. Aber er würde es tun. Er hatte schließlich weder Geld noch Arbeit und jener Ort war noch schlimmer als die Slums. Er war ein Kind von Sektor 7 und konnte hier unmöglich groß werden…

Ein Waise zu sein, nahm Denzel den Lebenswillen. Es war die gleiche Situation wie damals, als Sektor 7 eingestürzt war, doch was nun anders war, war die Tatsache, daß Denzel dachte, er würde wohl von nun an nie wieder Leuten wie seinen Eltern, Arkham, Lhui, Gaskin oder dem Suchtrupp begegnen, die ihn unterstützten. Er fühlte sich, als würde er nie wieder lachen können. Und in einem Leben ohne Lachen lag kein Sinn. Das hatte seine Mutter immer gesagt – und wohl recht damit behalten. Die schrecklich mit Bakterien verseuchten Ratten würden ihm schlußendlich helfen.

* * *  * * *  * * *

„Ajajaj!“ Ehe man sich versah, hatte Johnny – der die ganze Zeit der Geschichte am Rande gelauscht hatte – seine Stimme erhoben.

„Damals hab ich so gedacht. Aber ich habe mich geirrt. Deswegen bin ich heute noch hier.“

„Hm, ach so.“

„Weil ich eine Begegnung hatte, die mir sehr geholfen hat.“

„Und es dir zu jener Zeit so schlecht wie nie zuvor ging.“

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Ratten gab es nirgends. Bei seiner ziellosen Suche gelangte Denzel schließlich bis in die Slums von Sektor 5. Dort gab es eine alte, eingestürzte Kirche, vor deren Türflügeln ein Motorrad abgestellt war. So ein Modell hatte er vorher noch nie gesehen. Was seine Aufmerksamkeit jedoch noch mehr anzog, war das Handy, das vom Lenkrad baumelte.

Ein Lächeln legte sich auf Denzels Lippen. Er würde es sich nur ganz kurz mal ausborgen. Würde sicher spaßig sein, wenn jemand am anderen Ende ran ginge. Also ging er auf das Motorrad zu und nahm das Handy in die Hand. Während er seine eigene Nummer von zu Hause wählte, stellte er sich vor, wie ihr Telefon in den Trümmern von Sektor 7 klingelte.

„Alle Telefonleitungen nach Sektor 7 sind zurzeit leider außer Betrieb.“

Während der Arbeit des Suchtrupps hatte er oft nach seinen Eltern gesucht, doch er hatte sie nie wiedergefunden. Vielleicht lagen sie auch unter großen Trümmerstücken begraben. Auf jeden Fall glaubte er nicht mehr, daß sie noch irgendwo am Leben waren.

„Alle Telefonleitungen nach Sektor 7 sind zurzeit leider außer Betrieb.“

Denzel sah mit dem Handy am Ohr nach oben, wo er die Unterseite der Platte von Sektor 1 sehen konnte. Es kam ihm plötzlich in den Sinn, daß Lhui ja auf der Oberseite der Platte schlief. Er befand sich unterhalb ihres Grabes. Deswegen also fühlte er sich so unendlich einsam…

„Alle Telefonleitungen nach Sektor 7 sind zurzeit leider außer Betrieb.“

Er legte auf. Zwar war ihm danach, das Handy auf den Boden zu schleudern, doch er hielt sich im letzten Moment zurück. Er würde es sich noch einmal ausleihen. Er versuchte, sich die Telefonnummer von Lhuis Wohnung in Erinnerung zu rufen, doch er konnte sich nicht im Geringsten daran erinnern. Dann sah er sich die Wahlwiederholung des Telefons an. Er würde versuchen, die zuletzt gewählte Nummer anzurufen. Der Klingelton ertönte. Sofort nahm jemand am anderen Ende ab.

„Cloud, es ist so selten, daß du mich anrufst. Ist irgendwas passiert?“

Denzel hörte der Frauenstimme wortlos zu.

„Cloud?“

„Nein…“

„Wer ist dann dran? Da ist doch Clouds Telefon?“

„Keine Ahnung.“

„Wer bist du?“

„Ich weiß nicht. Ich weiß nicht, was ich tun soll.“ Seine Stimme fing an zu zittern.

„…weinst du etwa?“

Er fühlte, wie ihm die Tränen über die Wangen liefen. Als er die Augen schloß, um sie abzuwischen, fühlte er einen stechenden Schmerz in der Stirn. Sein ganzer Körper versteifte sich so vor Schmerz, daß ihm das Telefon aus der Hand fiel. Am Boden kauernd hielt er sich die Stirn. In seiner Handfläche fühlte er eine klebrige Flüssigkeit. Er wollte lauthals von sich schreien, daß er noch nicht sterben wollte! Doch der Schmerz ließ es nicht zu und so konnte er nur in seinem Herzen darum beten. Beten, daß es nicht schwarz wäre. Daß es nicht schwarz wäre. Den pochenden Schmerz ertragend, öffnete er die Augen.

Seine Hand war pechschwarz.

* * *  * * *  * * *

„Was danach passiert ist, weiß ich nicht mehr. Als ich wieder zu mir kam, lag ich in einem Bett und Tifa und Marlene sahen mich an. Und was dann geschah… wissen Sie ja.“

„Hm.“

„Ich lebe dank vieler Leute. Dank meiner Eltern, Lhui, Gaskin und meiner Freunde aus dem Suchtrupp. Dank Leuten, die noch leben, Leuten, die gestorben sind, dank Tifa, Cloud, Marlene und…“

Reeve nickte zum Zeichen, daß er verstanden hatte.

„Ich möchte das gleiche für andere Menschen tun. Jetzt bin ich an der Reihe, andere zu beschützen.“

Reeve schwieg.

„Bitte nehmen Sie mich bei sich auf“, meinte Denzel nun vehement.

„Das geht nicht! Nein, nein, nein!“ rief Johnny.

„Halten Sie die Klappe!“

„Aber du bist noch ein Kind!“

„Das ist egal!“

„Nein“, meinte Reeve schließlich. „Um die Wahrheit zu sagen… nimmt die WRO keine Kinder mehr auf.“

„Was sagen Sie?“

„Wäre es dann nicht besser gewesen, mein Angebot gleich abzulehnen?“, fragte Denzel mißmutig.

„Nein. Ich habe es gerade eben beschlossen. Als ich deine Geschichte hörte. Es gibt Dinge, die können nur Kinder tun. Und ich möchte, daß du genau das tust.“

„Und was?“

„Rufe die Kraft der Erwachsenen wach.“

Denzel wartete auf eine weitere Erklärung, doch Reeve stand auf, als wäre seine Rede damit beendet.

„Und, noch etwas…“

Denzel starrte Reeve mit erwartungsvollen Augen an.

„Danke, daß du dich so gut um meine Mutter gekümmert hast.“

Reeve zog aus der Gesäßtasche seiner Hose ein Taschentuch und schüttelte es kurz vor sich. Der flatternde Stoff war bedeckt mit kleinen Blumenmustern.

Nachdem Reeve gegangen war, fing Johnny an, den Tisch abzuräumen. Denzel betrachtete sein eigenes Taschentuch auf der Tischplatte.

„Also hör mal…“ Johnny hielt unvermittelt inne. „Wenn du unbedingt kämpfen willst, dann kannst du das doch jederzeit. Dafür brauchst du nicht unbedingt die WRO. Warum willst du da unbedingt rein?“

„Cloud…“

„Was ist mit ihm?“

„Er ist stark, weil er schon von klein auf in der Armee war. Ich möchte auch stark werden.“

„Ich glaube… die Zeiten ändern sich.“

„Und wie?“

„Hm, anstelle von schwerterschwingenden Männern braucht es vielmehr Leute, die anderen den Schmerz nehmen. Wir befinden uns in einer Zeit, in der vielmehr solche Männer gebraucht werden.“

„Das heißt nicht, daß es sie nicht schon gibt“, antwortete Denzel Johnny kalt und erinnerte sich an die vielen Leute, die ihm einst geholfen hatten. An die Männer, Frauen, Erwachsene und Kinder, die ihm einst so hilfreich mit starker Hand zur Seite gestanden hatten.

~ Ende von Denzels Geschichte ~

Fortsetzung folgt mit Tifas Geschichte

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