Clouds Irrglaube und Weg zur Individualität

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Der VII. Teil markierte einen besonderen Punkt im Aufbau der Final-Fantasy-Serie. Abgesehen von den technischen Änderungen fällt besonders die neue Erzählweise ins Auge, die uns Spielern kaum Zeit zum durchatmen lässt. Es ist eine komplexe Geschichte, die wir neben dem Erkunden in uns aufnehmen und die uns mit ihren verzweigten Nebensträngen immer wieder vor unbeantwortete Fragen stellt. Im späteren Verlauf wird zwar einiges erklärt, aber es bleibt dennoch genügend Raum für Spekulationen. Trotz der Ansätze im Bereich Science Fiction und Fantasy wird der Spieler mit Problemen konfrontiert, die sich auf das reale Leben übertragen lassen. Das liegt nicht zuletzt an den facettenreichen Charakteren.

Während wir uns also unseren Weg durch die drei CDs bahnen, treffen wir immer wieder auf Charaktere, deren Absichten und Intentionen sich in abgewandelter Form im Alltag wiederfinden lassen. Von einem schüchternen Blumenmädchen aus den Slums, einer florierenden Super-Metropole bis hin zu einem ungeduldigen, starrköpfigen Piloten, der seinem Lebenstraum hinterherjagt, ist alles vorhanden. Dies führt dazu, dass wir uns in gewisser Weise mit den Charakteren identifizieren können und wir in der Lage sind, Sympathien aufzubauen und mitzufühlen.

Cloud Strife allerdings ist für viele Spieler ein Mysterium. Er agiert anfangs kühl und zurückhaltend, spricht kaum und wenn, dann meist in kurzen, bissigen Kommentaren. Auf der ersten CD des Spiels erfahren wir, abgesehen von Tifas sehr vagen Kindheitserinnerungen und seiner Selbstbetitelung als EX-SOLDAT, nur wenig über ihn und seine Vergangenheit. Während die Story voranschreitet, wirkt das meiste, was wir über ihn erfahren, eher verwirrend als dass es uns über seine Geschichte aufklärt. Deshalb fällt es schwer, Cloud irgendwo einzuordnen, da er zuerst den kalten, starken EX-SOLDATen mimt, aber ebenfalls eine gebrochene Persönlichkeit durch Hojos Experimente ist.

Es gibt genügend Argumente die belegen, dass Cloud sich von uns kaum unterscheidet. Der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche (1844-1900) würde Cloud sogar mehr als jeden anderen Charakter als „allzu menschlich“ bezeichnen. Clouds Streben, seine persönlichen Krisen zu überwinden, lässt sich nach Nietzsche schlicht als den wahren Ausdruck des menschlichen Seins interpretieren.

In die Existenz geworfen

Existenzialisten wie Martin Heidegger (1889-1976), Jean-Paul Sartre (1905-1980) und der zuvor erwähnte Friedrich Nietzsche beschäftigten sich eingehend mit den Prozessen und Wirrungen des Alltags eines menschlichen Individuums. Auch wenn nicht alle Existenzialisten die gleichen Ansichten über die menschliche Natur teilen, so sind sie sich darüber einig, dass es einige grundlegende Fakten gibt, die alle Menschen gemeinsam haben. In erster Linie steht die Tatsache, dass wir uns den Zeitpunkt unserer Geburt nicht aussuchen können.

Wir werden, wie Heidegger es einst sagte, in die Welt „geworfen“, ohne jegliches Leitbild, was wir tun sollen oder werden können. Ebenso wie Cloud in die Mission zum Reaktor 1 „geworfen“ wird, werden auch wir in die Existenz geworfen, ohne zu wissen, was uns erwartet. So unheimlich es klingen mag, es ist ein fundamentaler Bestandteil des Seins. Die einzige einem bleibende Möglichkeit ist, sich in der großen Welt zurechtzufinden und sich mit anderen „Gleichgesinnten“ zu arrangieren, da wir – egal was kommt – nie die Möglichkeit haben, diese zu verlassen (zumindest nicht nach derzeitigem technischen Stand).

Eine weitere Behauptung Heideggers ist, dass unsere Beziehung zur Welt um uns herum nicht nur ein Kontakt von Subjekt zu Objekt (das Subjekt sind stets wir selbst und das Objekt ist alles, was außerhalb unserer eigenen Existenz liegt) ist, sondern eine Verkettung von Zielen, die wir uns selbst mit der Zeit setzen. Es wäre ein Fehler zu versuchen, die Welt aus menschlicher Sicht zu verstehen, wenn man nicht weiß, was es überhaupt bedeutet „menschlich“ zu sein. Aus diesem Grund sieht Heidegger auch in dem Verständnis der eigenen Existenz einen Schlüsselfaktor, um ein authentisches Leben führen zu können.

Man merkt schnell, dass die Welt von Final Fantasy VII den Hauptcharakteren am Herzen liegt. Hervorgehoben wird dies bereits zu Beginn der Handlung von den Mitgliedern AVALANCHEs, die in dem Planten das Fundament jeglicher Existenz sehen. So finden die Anschläge auf die Reaktoren nicht nur statt, um die Menschen vom falschen Umgang mit Mako-Energie zu überzeugen, sondern auch um den Planeten und damit einhergehend jegliches Leben im Allgemeinen zu retten.

Heideggers Vorstellung von dem Begriff „Welt“ ist jedoch nicht einfach mit der Bedeutung des „Planeten“ gleichzusetzten. In Final Fantasy VII steht der Planet für ein lebendiges „Objekt“, das durch seine eigenen Prozesse das irdische Leben erschafft und unterstützt. Für Heidegger bezeichnet der Begriff „Welt“ einen Ort, an dem sich menschliche Wesen befinden und leben können. Dieser Unterschied hat jedoch wenig mit der Beziehung, die die Charaktere zum Planeten haben, zu tun. Der einzige Fakt, den die Helden im Spiel sehen, ist, dass der Tod des Planeten unweigerlich zum Tod aller vorhandenen Wesen führt.

Allerdings zeigen uns die ersten Gespräche mit Cloud, dass ihm wenig daran liegt:

Barret: „Allmählich saugen die Reaktoren das ganze Leben aus. Und dann ist Schluss. Der Planet stirbt, Cloud!”

Cloud: „Es ist nicht mein Problem. Mir geht es nur darum, diesen Job zu Ende zu bringen, bevor die Wache und die Robowachen kommen.”

Und in einer späteren Szene:

Tifa: „Der Planet stirbt. Er stirbt langsam, aber sicher. Wir müssen etwas unternehmen.”

Cloud: „Sollen Barret und seine Kumpels doch was dagegen unternehmen. Ich hab’ damit nichts am Hut.”

Diese Aussagen verdeutlichen, dass Cloud die Tatsache, dass er ohne Planet ebenso nicht existieren kann, gleichgültig und die Bezahlung seines Jobs das einzig Relevante für ihn ist. Anscheinend verneint Cloud die Welt um sich herum und damit auch seine Existenz in selbiger. Aber wie kommt es dazu? Hat seine Haltung gegenüber der Welt einen tieferen Ursprung?

Das „in die Welt geworfen werden“ ist bei weitem nicht der einzige Fakt, der einem zum Menschen macht. Einige Philosophen stellen die Behauptung auf, der Mensch lebe in einer gottlosen Welt und mit dieser Einstellung sei das menschliche Ideal alleine im Universum. Nietzsche ist zum Beispiel für seinen Satz „Gott ist tot!“ berühmt, ebenso für die Aussage, dass es somit Zeit sei, einen neuen geistigen Anführer zu wählen. Folgende Passage ist eine der Missverstandendsten, die Nietzsche je verfasst hat:

Gott ist Tot. Gott bleibt tot…
Und wir haben ihn getötet.
Wie sollen nun wir, als Mörder aller Mörder, unser Gewissen reinigen?
War es nicht das Heiligste und Machtvollste, was unter unseren Messerstichen zu Tode blutete?
Wer wird uns nun das Blut von den Händen waschen?
Und welches Wasser haben wir nun, um dies zu tun?
Wie sollen wir dafür sühnen und welche geweihten Taten sollen wir nun gebrauchen, um unserem Leben einen Sinn zu geben?
Ist es die Größe dieser Tat, die wir nicht zu tragen vermögen?
Müssen wir nicht selbst erst zu Gott werden, um uns jenem würdig zu erweisen?

Nietzsche proklamiert damit nicht, dass Gott jemals in einem physischen Sinne gelebt habe und von seinen Anhängern getötet worden sei (wie es die Kirche mit Jesus handhabt). Er sagt vielmehr dadurch aus, dass Gott nun obsolet geworden sei und den Menschen nicht mehr in irgendeiner Form von geistiger Führung unterstütze. Die Wichtigkeit dieser Aussage ist mannigfaltig, aber es zwingt die Menschen dazu, auf Aussagen zu vertrauen, die ihnen fremd sind.

Nietzsche dachte, dass diese radikale Sichtweise die Menschen zum Nihilismus führen würde, was bedeutet, der Glaube an einen objektiven Lebenssinn sei nicht vorhanden und das Leben somit ohne jegliche Bedeutung. Denn Gott gilt als der Schöpfer aller menschlichen Werte und sollte Gott tot sein, wären die von ihm geschaffen Werte nichtig und absurd. Allerdings ist der Nihilismus für Nietzsche nichts Negatives. Denn aus seiner Sicht lassen sich erst durch die Akzeptanz eines nicht-existenten Gottes Werte erschaffen, die auch wirklich für das Leben stehen können. Solange man sich auf der Suche nach einem außerweltlichen, neuen, geistigen Führer begebe, um weltliche Probleme zu lösen, entferne man sich in diesem Vorgang immer weiter vom angestrebten Ziel.

Der Tod Gottes stellt für die Menschheit die ultimative Chance dar, die vollkommene Kontrolle über das irdische Revier zu übernehmen und Werte zu erschaffen, die für das allgemeine Leben von Bedeutung sind. Man muss aber auch damit rechnen, dass es Menschen geben wird, die einen falschen Gott aus den Überbleibseln des alten Gottes kreieren oder solche wie Sephiroth, die selbst nach Gottgleichheit streben.

Die Proklamation vom Tod Gottes und des damit einhergehenden Nihilismus lassen sich im gesamten Story-Verlauf finden. Als gutes Beispiel sei die Eröffnungssequenz zu nennen.

Der schöne, friedvolle und epochale Anblick des Sternenhimmels steht hier im harten Kontrast zu den fast ausgestorbenen, düsteren und schmutzigen Straßen Midgars. Eine ruhige, stille und schüchtern wirkende Aerith tritt aus einer Gasse auf eine aggressive, laute Straße heraus, und trotz des Geschehens um sie herum vermittelt sie uns den Eindruck, als sei sie alleine auf der Welt. In der Tat zeigt der Anfang von Final Fanzasy VII, in dem der Spieler lediglich auf Midgar als eigener Mikrokosmos beschränkt ist, ein nihilistisches Weltbild, da Moral und Wertvorstellungen in dieser Welt keine Bedeutung haben

Kriminalität und Verwüstung beherrschen das Zentrum dieser Metropole, und auch wenn die Leute wissen, dass es Möglichkeiten gibt, die ihnen ein besseres Leben bescheren, entscheiden sie sich doch aus reiner Bequemlichkeit und Dekadenz dafür, ihr armseliges Leben zu leben, gefesselt an ihre eigenen makobetriebenen Käfige. Selbst Cloud bestätigt, in einem seiner seltenen emphatischen Momente, dass Midgar uns keinen wirklich schönen Anblick bietet und bei dem, was wir im Laufe der ersten CD alles zu sehen bekommen, fällt es uns schwer, seine Meinung nicht zu teilen.

Barret und seine Ökoterroristengruppe AVALANCHE bieten der Stadt – und der Welt im Allgemeinen – eine Lösung für dieses durch Makoenergie verursachte Dilemma an. Durch die Zerstörung der Reaktoren versuchen sie, die Menschheit vom Gott namens Mako unabhängig zu machen und zwingen sie somit, sich des Wertes ihrer eigenen dahinsiechenden Welt wieder bewusst zu werden. Um genau zu sein fordern Barret und AVANLANCHE das gleiche wie Nietzsche, und zwar die Wiedergeburt einer Gesellschaft, die sich auf eigenen Werten begründet und nicht auf Werten, die von der Geschäftsführung des ShinRa-Konzerns vorgeschrieben werden. Natürlich lassen sich solche Änderungen nicht durch vereinzelte Personen herbeiführen. Um Freiheit zu erhalten, müssen sich alle Leute bewusst sein, dass sie ihren Teil zur Veränderung beitragen müssen.

Verdammt dazu, frei zu sein

Jean-Paul Sartre beleuchtet die paradoxe Natur der menschlichen Freiheit mehr als jeder andere Existenzialist. Die meisten seiner Werke beschreiben, welchen Einfluss die menschliche Freiheit auf die Gesellschaft hätte. Er war der Ansicht, dass der Mensch nicht nur selbst für den allgemeinen Sinn im Leben verantwortlich ist, sondern dass jeder Mensch für die Werte verantwortlich ist, die ihn zum Mensch machen. Um es kurz in Sartres Worten auszudrücken: „Der Existenz voraus geht die Essenz“.

Im Gegensatz zu unsern alltäglichen Handwerkzeugen und Arbeitsutensilien werden Menschen ohne jegliche Funktion oder Begründung geboren. Wir können beispielsweise die Essenz des Meisterschwertes wesentlich leichter erfassen, da wir genau wissen, dass dessen Zweck eine Angriffswaffe ist. Wenn wir nun auf Clouds Essenz zu sprechen kommen, wird die Antwortfindung wesentlich schwieriger. Ist er ein ehemaliger Bewohner von Nibelheim? Ist er ein Freund von Tifa aus Kindertagen? Ist er ein EX-SOLDAT? Oder gar ein Mitglied von AVANLANCHE?

Beim Meisterschwert ist der Sachverhalt offensichtlich, da es bereits vor seiner Anfertigung einen Sinn und Zweck zugeschrieben bekommen hat und diesen auch behalten wird. Der Mensch hingegen hat keinen genaueren Zweck bei seiner Geburt und muss seine Rolle im Laufe des Lebens erst selbst festlegen.

Was aus uns wird, beruft sich auf die Entscheidungen, die wir im Laufe des Lebens fällen und wie wir uns über diese in die Gesellschaft integrieren. Es ist ein unwiderlegbarer Fakt, dass wir in unserem Leben Entscheidungen treffen müssen. Wir können niemanden dazu bringen, sie für uns zu treffen. Ja, sogar der Beschluss, keine Entscheidungen zu treffen, ist eine Entscheidung. Somit stellen wir fest, dass absolute Freiheit ein wesentlicher Bestandteil für individuelles Denken ist und wohl überlegt angewandt werden sollte.

Solange wir in einer Welt ohne eine gottähnliche Essenz leben, bleibt uns keine andere Wahl, als nach unserem eigenen Ermessen zu handeln. Aus diesem Grund sind auch nur wir alleine für unser Handeln verantwortlich. Wenn Cloud irgendeine Tat vollbringt, die er später bereut, wie z.B. die Zerstörung eines Mako-Reaktors, ist es gleich, ob jemand ihn dazu verleitet hat oder nicht, denn die Verantwortung für sein Handeln trägt er ganz alleine.

In solch einem Fall kann man auch nicht sagen, dass Gott einen geschaffen hat, um schlechte Taten zu vollbringen, denn es steht einem immer frei, eine andere Wahl zu treffen. Auch Cloud bildet keine Ausnahme von dieser Regel. In jeder Aktion innerhalb des Spieles muss Cloud eine Entscheidung fällen, und wir als Spieler unterstützen ihn bei dieser Wahl. Als Beispiel soll hier das erste Aufeinandertreffen mit Aerith stehen. Wir könnten sie ignorieren und sie wegschicken, wir können ihr aber auch eine Blume abkaufen. Was wir (und damit Cloud) nicht können ist, keine dieser Aktionen zu treffen. Wie wir später erfahren, werden wir je nach Entscheidung von anderen Figuren anders behandelt. Wenn wir Aerith schlecht behandeln, brauchen wir uns also nicht zu wundern, dass sie in der Date-Szene nicht mit Cloud in der Gondel sitzt.

Selbst wenn wir gerne vor den Konsequenzen unserer Entscheidungen fliehen möchten, müssen wir einsehen, dass dies nie möglich sein wird. Wir sind in der Tat verdammt dazu, frei zu sein und müssen als Resultat dieser Erkenntnis unsere Entscheidungen mit viel mehr Bedacht treffen.

Der falsche Glaube des Soldaten

Auch wenn es stimmt, dass das menschliche Individuum frei ist, so weist Sartre mehrfach darauf hin, dass die Menschen ihre Freiheit oft auf unterschiedliche Art und Weise leugnen. Wenn wir z.B. darauf beharren, dass wir lediglich unsere Arbeit machen, unseren Platz in der Gesellschaft einnehmen und unsere Entscheidungen auf eben diese Lebensweise ausrichten, dann fällt es schwer zu glauben, dass wir uns auch anders entscheiden könnten.

Als Beispiel könnte ein Waffenhändler in Kriegszeiten durchaus seine Feigheit damit begründen, dass er lediglich ein Händler sei und es als eben jener nicht seine Art ist, sich zu verteidigen. Im realen Leben sieht das ganze anders aus: Er könnte sich durchaus mit seinen eigenen Waren bewaffnen, um sich vor seinen Feinden zu schützen. Ob es sinnvoll wäre, ist wieder eine ganz andere Sache.

Eine weitere interessante Erkenntnis ist die Tatsache, dass wir die Rollen, die in der Gesellschaft vorhanden sind, tatsächlich auf unser eigenes Leben projizieren. Im Gegensatz zu faustdicken Lügen, bei denen der Lügner selbst weiß, dass er unehrlich ist, betreiben wir in diesem Falle Selbstbetrug. Behandeln wir dieses Argument anhand eines Kellners:

Stellen wir uns einen Kellner in einem Café vor. Er arbeitet mit hoher Geschwindigkeit und seine Bewegungen sind in übertriebenem Maße präzise. Er tritt an seine Gäste eilig heran, beugt sich eifrig zu seinen Gästen vor und seine Augen und Haltung drücken eine übertriebene Besorgnis um die Wünsche des Gastes aus.

Was man nun, je nach Person, mehr oder weniger sehen kann ist, dass er spielt. Er spielt uns in dieser Situation vor, ein Kellner zu sein. Das Schlüsselwort in diesem Satz ist „sein“. Das Verhalten des Kellners ist nicht mehr als eine Fassade, ein Versuch, die Eigenschaften, die wir auf einen guten Kellner projizieren, zu imitieren. Fundamental ausgedrückt gibt er sich als etwas aus, was er nicht ist, und zwar als Kellner. Denn unsere Arbeit ist nicht mehr als eine Rolle. Sie stellt nicht unser Leben dar und reflektiert damit auch nicht, welche Entscheidungen für unser Leben essenziell sind. Denn der Kellner ist nicht wirklich ein Kellner: Wenn wir diesem Kellner auf der Straße begegnen würden, wäre er ein anderer Mensch, mit Hobbys, Interessen und Wünschen. Stattdessen adaptiert er Bewegungsabläufe und Verhaltensweisen, die nicht natürlich von ihm ausgehen, während er im Café arbeitet.

Das schlimmste ist jedoch, dass er selbst glaubt, dass er ein Kellner ist. Sartre bezeichnet dies als „Bad Faith“ und als das allgemein große Problem. Unsere Leben sind alle nicht authentisch, da wir sie in Rollen kleiden, die uns die Gesellschaft vorschreibt und wir diese Rollen unsere Entscheidungen treffen lassen.

Auch in Final Fantasy VII findet diese These Anwendung. Cloud ist wohl das beste Beispiel für diese Behauptung. Anfänglich ist er der kalte, arrogante und harte Söldner, der sich nur für die Bezahlung interessiert. Seine Antworten sind kurz und scharf formuliert, zudem hegt er kein Interesse daran, weiter als nötig zu gehen. Sein Schwert wird mit Stolz auf seinem Rücken zur Schau gestellt, auch seine Kleidung, sei es auch die des Feindes, wird ohne Scham getragen. Wenn es zu Situationen kommt, in denen andere ihm ihre Sichtweise darlegen wollen, blockt er ab und gibt zu verstehen, dass all diese Dinge keine Bedeutung für ihn haben.

Wir erkennen, Cloud behauptet ein SOLDAT zu sein! Das dies lediglich eine Rolle ist, die er auf sich selbst projiziert, realisiert er nicht, da er seine Menschlichkeit einfach ausblendet.

Existenzialisten sind sich einig, dass unser Leben durchaus das ist, was wir daraus machen, geben aber zu bedenken, dass die dazu führenden Aktionen und Entscheidungen aus unserem eigenen Willen heraus entstehen. Das führt zur Wahl, einen von zwei möglichen Wegen zu beschreiten: Den authentischen Pfad, auf dem wir mit unseren Entscheidungen täglich neue, bedeutsame Werte erschaffen, und den unauthentischen Pfad, der sich durch das Verleugnen jeglicher Freiheiten und dem Stagnieren von Werten auszeichnet. Authentische Menschen besitzen ein hohes Maß an Selbstbeherrschung und Kreativität, während unauthentische Menschen in einem sklavenähnlichen Zustand verharren, der dazu führt, dass sie ihre eigenen Möglichkeiten unter der Last ihrer Verantwortung begraben.

Die Entwicklung von Cloud ist ein Paradebeispiel für diese These, da seine Entscheidungen ihn von einem Extremem ins nächste werfen. Man kann sogar so weit gehen zu sagen, Clouds Reise ist weniger eine Schlacht um die Rettung der Welt, sondern eher ein Kampf mit seiner eigenen Persönlichkeit.

Beim Vorfall in Mideel lernen wir im Lebensstrom einen jungen Cloud kennen, der sich nach Akzeptanz und Aufmerksamkeit sehnt.

Cloud: „Ich wollte so gerne mit allen spielen, aber ich wurde nie in die Gruppe aufgenommen. Später… dachte ich dann, ich sei anders… …anders als diese unreifen Kinder. …daß sie mich dann… vielleicht… Vielleicht würden sie mich dann mitspielen lassen.“

Wie wir wissen, gelang es Cloud nie, sich in die Gruppe einzufügen. Nichtsdestotrotz bietet ihm die Welt eine weitere Möglichkeit, sich Tifa zu beweisen.

Cloud: „Wenn es Frühling wird… gehe ich weg von hier, nach Midgar.”

Tifa: „…Alle Jungen verlassen die Stadt.”

Cloud: „Aber ich bin anders. Ich werde mir nicht einfach nur einen Job suchen. Ich möchte bei SOLDAT eintreten. Ich werde der Beste sein, genau wie Sephiroth!”

Während man seinen Kindheitstraum als ebendiesen abstempeln kann, ist die Entscheidung nach Midgar zu gehen wirklich bedeutend für sein weiteres Leben. Man könnte sagen, dass Nietzsches „Gott ist tot“ Statement direkt auf ihn zutrifft, da diese Entscheidung ihn mit völlig neuen Werten konfrontiert, die sein bisheriges Weltbild verwerfen.

Mit zunehmendem Alter hingegen wurden seine Kindheitsträume immer mehr sein Lebensinhalt, um sich seiner Umwelt zu beweisen. Sein Bestreben, sich so wie er ist in die Gesellschaft einzugliedern, ist jedoch fehlgeschlagen, da er sein Leben danach ausrichtet, wie er es sich als Kind gewünscht hat. Die Etablierung bei SOLDAT wäre eine mögliche Lösung dieses Problems gewesen, allerdings hätte sie die Gefahr geborgen, sich von seiner Unabhängigkeit immer weiter zu entfernen. Leider ergab sich dieser Lösungsansatz nie als reale Option in Clouds Leben.

Zu Beginn des Spiels stellt er sich als „besonders“ oder „anders“ dar, da er (augenscheinlich) den höchsten SOLDAT-Rang erreicht hat. Selbst in seinen Erinnerungen ist es Cloud, der Seite an Seite mit Sephiroth am Berg Nibel gekämpft hat. Auf CD 2 erfahren wir allerdings, dass Cloud es niemals soweit geschafft hat und seine Profession nicht über die eines einfachen Soldaten hinausging:

Cloud: „Ich hab’ mein Dorf auf der Suche nach Ruhm verlassen, wurde aber nie in SOLDAT aufgenommen… … Ich hab’ mich so geschämt, so schwach zu sein, und dann hörte ich die Geschichte von meinem Freund Zack…“

So kommt ans Tageslicht, dass Clouds Machoattitüde niemals eine echte Eigenschaft von ihm selbst war, sondern er lediglich das auf sich projizierte, was aus seinem persönlichen Blickwinkel einen SOLDAT ausmache. In einer Zwischensequenz auf CD 3 erfahren wir schließlich, wie Cloud zu dem Entschluss kam, Söldner zu werden, ebenso wie er in den Besitz der SOLDAT-Uniform und des Meisterschwertes kam. All dies gehörte Zack, Aerith damaligem Freund und wahrem SOLDAT 1. Klasse.

Zack: “Listen, I’m gonna become a mercenary and that’s that. Boring stuff, dangerous stuff, anything for money. I’m gonna be rich! …Cloud? What are YOU gonna do? ”

Da Cloud aufgrund seines instabilen Zustands durch eine schwere Makovergiftung noch nicht sprechen kann, entscheidet Zack kurzerhand für ihn:

Zack: “Mercenaries, Cloud. That’s what you an’ me are gonna be.”

Wie wir auf tragische Weise erfahren, gelingt es Zack nicht seine Zukunftspläne in die Tat umzusetzen. Stattdessen sieht er sich mit der geballten Macht von ShinRas Militär konfrontiert, was er nicht überlebt. Cloud allerdings übersteht das ganze körperlich unbeschadet. Nachdem er sein Bewusstsein wiedererlangt hat, übernimmt er neben dem Meisterschwert auch Zacks Traum von einem Söldnerleben.

Clouds Entscheidung ist zugleich unsere

Der Cloud in der ersten Hälfte des Spiels ist ohne Zweifel einer, der in einem falschen Glauben lebt. Seine Entscheidung, aus Nibelheim wegzugehen, beruhte darauf, etwas zu werden, was er nicht ist: Eine große, starke Person, der man aufgrund ihres Status‘ Respekt zollt. Doch Cloud besitzt keine dieser Eigenschaften. Er ist nur eine Person, die versucht ihren Weg im Leben zu finden, so wie alle Menschen. Leider wählt Cloud den einfachen Pfad. Anstatt einen eigenen Weg zu gehen und eigene Werte zu wählen, adaptiert er eine Persönlichkeit, die bereits in der Gesellschaft etabliert ist: Eine Person, die ihn in eine respektable Position beförderte.

Allerdings ist Cloud in der Lage, diese Fehlentscheidungen wieder wett zu machen. Denn als menschliches Wesen kann er sich umentscheiden und Optionen treffen, die seinen bisherigen Lebensweg ändern. Der Wille, sich seiner Vergangenheit zu stellen, weist auf das Verlangen hin, einen authentischen Neuanfang zu machen.

Final Fantasy VII behandelt viele existenzialistische Themen. Als Spieler befinden wir uns in einer gottlosen, modernen Welt, in der wir durch unsere Entscheidungen mit dem zurechtkommen müssen, was wir haben bzw. sind. Das schließt unseren Platz in dieser Welt, die Beziehungen zu anderen Menschen und besonders den Umgang mit uns selbst ein.

Durch Cloud Strife erkennen wir, dass wir immer eine Wahl haben, die jedoch auch Konsequenzen mit sich bringt. Cloud ist durchaus eine Figur, die sich durch ihre Tiefgründigkeit von Videospielstereotypen abhebt. Er demonstriert uns durch seine Entscheidungen nicht nur die Bandbreite des menschlichen Geistes, sondern auch die Möglichkeiten, die uns als Individuum durch unsere Freiheiten und Pflichten offen stehen. Während diese Möglichkeiten Cloud erlauben, die Welt zu retten, ermöglichen sie uns die wohl fundamentalste aller Aufgaben zu bestehen: Unser Leben authentisch zu leben.