Kefka und der Nihilismus

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„Nennt mir eure Werte. Frieden, Freiheit, Wohlstand, Reichtum und so weiter und so weiter… Ist ein Mann, der diesen Werten aus eurer Sicht, sowie aus meiner, zuwider handelt, ein Wahnsinniger oder nicht doch eher ein Obskurant?“

 — Fyodor Dostoyeyvsky, russischer Realist

(Obskurant: Ein Mensch mit einer obskuren Denkweise, die sich nicht jedem sogleich erschließt und schwer zugänglich ist.)

Ein Kefka’ischer Anfang

Kefka. Alleine der Klang des Namens ruft bei allen Spielern von Final Fantasy VI die Erinnerung an das wohl markanteste maschinell erstellte Lachen der Videospielgeschichte hervor. Der Name bezieht sich natürlich auf Franz Kafka (1883 – 1924), ein Schriftsteller, der für seine verzerrten und beunruhigenden Weltperspektiven bekannt ist.

Zusätzlich zu dem Privileg einer der meist gerühmtesten Widersacher der Serie zu sein, ist Kefka Palazzo einer der philosophisch interessantesten Charaktere der Videospielgeschichte. Entgegen seinem clownshaften Auftreten und seinem überspitzten, comic-ähnlichen Benehmen, agiert er sehr harsch und extrem bei seinem Vorhaben, die Vernichtung der Welt zu initiieren. Er sieht den einzigen Sinn seiner Existenz darin, alles Leben zu annullieren, da das Leben für ihn selbst keinen Sinn enthält. Aber macht ihn das zu einer verrückten Person? Reicht es aus um eine Person mit so weitreichend homiziden Tendenzen als wahnsinnig zu brandmarken?

Der Mann hinter dem Lachen

Wir lernen Kefka und sein infernalisches Gelächter das erste Mal an den Toren von Figaro Castle kennen, zu welchen ihn die Suche nach einer Frau namens Terra führt. Was der Spieler zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß, ist, dass Terra ein Esper-Mensch-Hybrid ist, eine der wenigen Menschen, die Magie von Geburt an nutzen können. Kefka steht unter dem Kommando von Imperator Gestahl, der ihn aussendet, um Terra zum Wohle des Imperiums zurückzuholen. Ob diese sie zur Forschung oder zum Kampfeinsatz nutzen wollen, ist bis dahin nicht eindeutig feststellbar.

Bereits zu diesem frühen Zeitpunkt des Spiels wird Kefkas Zurechnungsfähigkeit von Locke, einem der Hauptprotagonisten des Spiels, in Frage gestellt. Das scheint bestätigt zu werden, als Kefka kurz darauf beschließt, das Schloss niederzubrennen, da König Edgar sich weigert zu kooperieren. Schon da bekommen wir eine kleine Kostprobe von Kefkas Hang zum Massenmord. Erst viel später erfährt der Spieler, dass sein Verhalten das Resultat der Experimente ist, Menschen mit magischen Fähigkeiten auszustatten.

Magie verschwand vor gut 1000 Jahren aus jener Welt, als die drei Götter der Magie beschlossen, ihre blutige Fehde untereinander zu beenden, indem sie sich in Stein verwandelten. Die magisch erschaffenen Wesen, genannt Esper, verließen diese Welt und wurden von den Menschen weitestgehend vergessen. Technologie ersetzte die Magie sowohl als Werkzeug zum Lebenserhalt als auch als Waffe für kriegerische Zwecke, bis Imperator Gestahl damit begann, das Projekt MAGITEK ins Leben zu rufen. MAGITEK sollte die Kombination von urtümlicher Magie mit moderner Technologie möglich machen. Dazu war jedoch der Gebrauch von Maginiten nötig – die seltenen Überreste von Espern.

In dem Versuch, die Abhängigkeit des Imperiums vom Maginit zu beenden, versuchte man, Menschen das Maginit intravenös zu verabreichen, um ihnen dadurch die Fähigkeit der Magieanwendung zu ermöglichen. Ein junger, ehrgeiziger Mann namens Kefka war das allererste Testobjekt dieses Verfahrens. Es erlaubte ihm zu einem gewissen Maße Magie zu nutzen, führte aber zu einem extremen Verhaltenswandel, einem Wandel, den wir sehr leicht als Wahnsinnig interpretieren könnten, besonders nachdem wir seine Aktionen in Figaro sahen.

Die nächste Begegnung mit Kefka findet während der Belagerung von Schloss Doma statt, Cyans Heimat. Dort beginnen bereits die imperialen Soldaten sein Vorgehen in Frage zu stellen. Nachdem General Leo in die Hauptstadt zurückbeordert wurde, nimmt Kefka die Situation schließlich selbst in die Hand.

Hier wird dem Spieler das volle Ausmaß seines mörderischen Impulses bewusst, als er den kompletten Wasserzulauf des Schlosses vergiftet, sodass jeder Schlossbewohner einen qualvollen Tod stirbt, was auch seine eigenen Soldaten mit einschließt.

„Hee, hee! Nothing can beat the music of hundreds of voices screaming in unison!”, verkündet Kefka höhnisch. In diesem Falle bleibt uns nichts anderes übrig, als ihn als das abzustempeln, was er in dieser Situation nun mal auch ist – ein wahnsinniger Massenmörder.

Focault: Die Methodik des Wahnsinns

Dass er ein Mörder ist, steht nicht zur Debatte, aber ist Kefka wirklich wahnsinnig?
Lasst mich euch Michel Focault (1926 – 1984) vorstellen, ein französischer Philosoph, der vom Aussehen sehr Onkel Fester von der Adams Family ähnelte. Unter seinem kahlen Kopf steckte ein Geist, der sich stark mit den Mächten und Umständen auseinandersetzte, die unsere heutige weltpolitische Struktur formten.
Seine erste große Arbeit, „Wahnsinn und Gesellschaft: Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft“, veröffentlicht im Jahre 1961, zeichnete die Auswirkung des geistigen Verfalls auf und welche Rolle dies bei der Kontrolle der Bevölkerung spielte. Ursprünglich nicht als Begriff der moralischen Missbilligung geltend prägte dieses Werk den Begriff „Wahnsinn“ als Wort für den vorsätzlichen Ausfall sämtlicher moralischer und gesellschaftlicher Werte, was das Wirken verwerflicher Handlungen effektiv fördert.

Bezeichnungen sind sehr Machtvoll. Vergesst das uramerikanische Mantra „Stick and stones may break your bones, but words never will hurt me“. Bezeichnungen kreieren soziale Schichten und geben entweder Bestätigung oder Ablehnung, abhängig davon, wie man sie verwendet.
Nehmen wir als Einstiegbeispiel Locke, der sich selbst als Schatzjäger bezeichnet (positiv konnotiert), obwohl man ihn genauso gut auch als Dieb schimpfen könnte (negativ konnotiert).

Im Mittelalter verwendete man den Begriff „verrückt“, um Aussätzige zu bezeichnen. Aussätzigkeit war zu dieser Zeit nicht nur eine körperliche, sondern auch eine geistige Krankheit, die als Strafe Gottes für moralische Verfehlungen galt. Der Aufbau von Lagern für Aussätzige gab dem Rest der Gesellschaft ein Gefühl von Überlegenheit und Sicherheit. Egal wie verkommen man war, Hauptsache man war kein Aussätziger. Aber durch das konstante Quarantäneverfahren kam es dazu, dass Aussätzigkeit aus Europa verschwand, was wiederum dazu führte, dass ein neuer Sündenbock gefunden werden musste, um der restlichen Gesellschaft gedanklichen Frieden zu geben. Diese neuen Sündenböcke waren die andersdenkenden Mitglieder der Gesellschaft. Dazu passendes Beispiel: Auf Gemälden aus dem 15. Jahrhundert lassen sich manchmal Darstellungen von Schiffen finden, beladen mit andersdenkenden Menschen, wie sie die Stadtgrenzen einen Tag um den anderen umschifften, ohne Sinn und Ziel.

Im 14. Jahrhundert war Wahnsinn ein Zeichen von andersgeartetem Wissen. Focault wies darauf hin, dass diese Art der Verrücktheit auch weit nach dem Mittelalter in der Literatur zu finden sei. Man denke an Don Quixote oder Hamlets Totengräber. Selbst auf die Helden von Final Fantasy VI trifft die Umschreibung zu, denn sowohl der alte exzentrische Magus Strago als auch die Mogrys sind Beispiele einer älteren, mehr zum positiven tendierenden Art der Verrücktheit.

Noch treffender für unser Interpretationsthema ist Focaults Überzeugung, dass der Übergang von Verrücktheit über andersgeartetes Wissen zum Wahnsinn durch die Angst der kirchlichen geprägten Vorstellung von der Apokalypse seinen Anfang nimmt.
Anspielungen in der Bibel weisen darauf hin, dass Menschen, die versuchen Gottes Idee zu begreifen, bei dem Versuch selbiges zu erreichen, verrückt werden. Im Mittelalter wurden Verrückte deshalb gefürchtet, weil man annahm, dass sie erst verrückt wurden, weil sie versehentlich das große Rätsel um ihre Existenz und den jüngsten Tag gelöst hätten.

Wenn wir dieses Konzept jetzt auf Kefka übertragen, könnte man sagen, dass die Anwendung von Maginiten auf ihn ihm eventuell die Offenbarung über dunkle Künste, höhere Mächte und den Untergang der Welt gewährten – Wissen, dass kein Mensch je vollends verstehen würde.
In der Welt von Final Fantasy VI wurde die Magie von drei Göttern kontrolliert, die durch das Entfernen ihres Selbst eine Ära des Friedens und der Stille einläuteten. Mit der Entdeckung des Maginitverfahrens ist dieser Frieden in Gefahr. Die Angst vor dem, was geschehen könnte, sollten die Götter der Magie zurückkehren, lässt den Wahnsinn auf dieser Welt gedeihen, und zwar in dem gleichen Maße, wie die christlich geprägte Angst vor der Apokalypse. Kefka wird als wahnsinnig bezeichnet, weil alle das Wissen fürchten, dass er besitzen könnte.

Das Zeitalter der (Un-)Vernunft

Im 18. Jahrhundert wurde das Zeitalter der Erleuchtung eingeläutet, da es hieß, in diesem Zeitalter sollen sich alle Probleme der Menschheit lösen lassen. Focault deutete an, dass zu dieser Zeit nichts eine größere Bedrohung des gesellschaftlichen Friedens darstellte, als alle Menschen, die einen Sinn all dessen verneinten, was die Gesellschaft zu diesem Zeitpunkt ausmachte.

Philosophen wie Immanuel Kant (1724 – 1804) gingen sogar so weit, uns mit vollkommen rationalen Rechtfertigungen für Moralität zu versorgen. So wurden selbstredend all jene, deren gedankliche Kapazitäten für Vernunft fehlerhaft waren, als moralisch korrupt eingestuft. Focault bezeichnete diese Periode als „Great Confinement“ oder als die „Geburtsstunde der Irrenhäuser“. Die Verrückten wurden zu dieser Zeit zum Wohle der Gesellschaft weggesperrt und geringfügig anders als Verbrecher behandelt, obwohl sie kein Verbrechen begangen hatten.

Ab diesem Zeitpunkt waren Verrücktheit und Verderbtheit untrennbar miteinander verknüpft. Die Kombination dieser zwei Verhaltenskonzepte brachte drei Archetypen hervor: den kriminellen Verrückten, den gewalttätig Gestörten und den mörderischen Wahnsinnigen.

Dem Spieler fällt es leicht, Kefka mit einem dieser Archetypen gleichzusetzen. Wenige Personen im Spiel halten sein Verhalten für ansatzweise gerechtfertigt und niemand im Spiel versucht auch nur, ihn zu verstehen. Jeder Versuch, den Kefka unternimmt, um seinen Standpunkt klarzumachen, wird ignoriert und entwertet. Seine Argumente werden als verrückt abgetan, als ein „argumentum ad hominem“ (ein fehlgeschlagener Appell an seine Menschlichkeit).

Diese Ignoranz gegenüber seinen Argumenten gibt Aufschluss darüber, dass wir unser persönliches Bild von ihm über die Logik seiner Argumente stellen, da seine Persönlichkeit uns in unseren Grundwerten missfällt.

Bezug dazu nimmt die oft verwendet Phrase „Du bist verrückt“, was über uns aussagt, dass wir ausschließen, jene bezeichnete Person sei zu logischen Gedankengängen fähig.

Während der „Great Confinement“ gab es allerdings nicht einmal den Versuch, die Eingesperrten in den Asylen zu verstehen, so wie es weder die Charaktere als auch der Spieler ebenso nicht mit Kefka tun. Die Verrückten wurden lediglich eingesperrt und gepeinigt.

Wir können definitiv sagen, dass Kefka ein Wahnsinniger mit mörderischen Anwandlungen ist, aber was gibt uns Anlass zu sagen, er sei verrückt? Es gibt eine „Methodic“ in seiner Art von Wahnsinn, so wie es Polonius auch über Hamlet sagen würde. Die Vergiftung von Doma war ein höchsteffizienter und effektiver Weg, die Belagerung mit den minimalsten Verlusten auf imperialer Seite zu beenden. Was ist an dieser Aussage nicht logisch?

Bevor die Story aber zu einem Ende kommt, erhält Kefka gottgleiche Macht und findet die Erkenntnis, dass die Existenz der Welt keinen klar definierten Sinn besitzt. Also setzt er es sich zum Ziel, sie zu zerstören. Wenn es keinen Grund und keine Rechtfertigung gibt, warum sollte sie also weiter existieren?

Diese fundamentale Logik bildet die Basis für den Existenzialismus. Diese Form der Philosophie entstand als Gegenentwurf zum Zeitalter der Erleuchtung und hat als Basis die Aussage, dass Logik alleine keinen Grund für den Sinn des Lebens liefern könne und dieser folglich woanders liegen müsse.

Wenn Kefka an etwas leidet, ist es sicher nicht der Mangel an Gründen für sein Handeln. In dem Moment, als er das Höchste erreicht, was einer Gottheit gleichkommt, findet er plötzlich keinen Sinn mehr im Dasein des Lebens.

Gott ist tot, lange lebe Kefka!

Der Hauptinhalt von Focaults „Wahnsinn und Gesellschaft“ lässt sich wie folgt zusammenfassen: Die Gesellschaft sehnt sich nach Kontrolle und das, was sich nicht kontrollieren lässt, muss entfernt werden. Das Gesamtkonzept des Wahnsinns ist zu einem Werkzeug der Entfernung und Kontrolle geworden.
Wie wir bereits festgestellt haben, ist das Brandmarken von Kefka nur ein Weg, seinen Standpunkt zu ignorieren. Lasst uns nun einen näheren Blick darauf werfen, wie Kefka seinen Standpunkt festigt.

Nach dem Massaker in Doma sehen wir Kefka in der Magitek-Fabrik wie er versucht, magische Energie aus lebenden Espern zu extrahieren. Wie wir alle wissen sind Maginite die Reste verstorbener Esper. Und so fährt er fort mit dem Töten von Espern. Durch komplexe Intrigen und Machenschaften schafft er es, den Imperator davon zu überzeugen, das Tor zur Welt der Esper zu öffnen, wo er vor Ort den ultimativen Schritt zur Machtergreifung vollzieht, indem er den Imperator tötet und sich die vollständige Macht der Götter einverleibt. Das hat eine erdgeschichtliche Katastrophe zur Folge, die die Welt verändert und Kefka zum Gott macht.

In typischer Erzschurkenmanier baut Kefka einen Turm und terrorisiert von dort die Welt. Er erreicht sein ultimatives Ziel und herrscht über alles Leben für alle Ewigkeit. Wenn unsere Gruppe es dann endlich geschafft hat, einen Widerstand zu organisieren, treffen sie einen Kefka, der sich einer interessanten Metamorphose unterzogen hat.

Sie treffen nicht mehr auf einen Mann in Clownskleidung und mit einer Vorliebe für einprägsame One-Liner (Bsp.: „Run run or you’ll be well done!“ oder „Ahem. There’s SAND on my boots.“), sondern auf einen Mann von engelsgleicher Erscheinung, was seinen göttlichen Aspekt unterstreicht. Die Macht, die ihm gegeben wurde, verändert ihn zum Schrecken eines jeden in der Hinsicht, dass er nun nicht mehr die Welt regieren, sondern sie zerstören will. Damit würde er eine Art paradoxes Monument der Nichtexistenz erschafft.

Über eine Erklärung gibt Kefka zu erkennen, dass es aus seiner Sicht keinen Sinn im Leben gibt, keinen Grund, der die Existenz rechtfertigt. Kurz vor der finalen Konfrontation widersprechen unsere Helden Kefka, indem sie ihm klar machen wollen, das Ziel jeglicher Existenz bestehe darin, seinem Leben erst einen Sinn zu geben.

Cyan lebt, um die Erinnerung an seine Familie zu bewahren, Shadow erkannte den Wert von Freundschaft, Edgar möchte ein Königreich erschaffen, in dem die Menschen frei vom Joch sind. Diese Werteerklärungen stoßen auf taube Ohren, da Kefka kein Wesen mehr ist, dessen Intentionen auf Logik oder Vernunft beruhen. Seine Denkweise steht irrational der Denkweise unserer Helden gegenüber und damit komplett außerhalb des Rahmens von Logik und Vernunft.

Der Fehler, den unsere Helden machen, ist der, dass sie denken, der Sinn des Lebens bestehe aus Überzeugungen. Überzeugungen sind zwar Teil eines Lebens, aber sie sind bei jedem individuell und nicht verallgemeinerbar, da jeder eine andere in seinem Leben hat. Sie könnten hoffen, dass Kefka das eine oder andere Argument mit ihnen teilt, aber wenn er das nicht tut, wird keine Logik von der Wichtigkeit dieser Dinge überzeugen können.

Viele von uns sehen Existenz als etwas Notwendiges an, als einen „Imperativ“. Kefka hat allerdings verstanden, dass die Existenz nicht das ist, was Philosophen den „hypothetischen Imperativ“ nennen.
Ein „hypothetischer Imperativ“ ist etwas, was jemand tun oder glauben muss, um ein Ziel zu erreichen. Oder im gegensätzlichen Sinn ausgedrückt: Wenn einem nichts dazu bewegt, einen bestimmten Weg zu beschreiten, dann geht man diesen auch nicht, egal was am Ende dabei herauskommen könnte. Als Beispiel könnte man anführen, dass man die drei versteckten Figuren Gogo, Umaro und Mog unbedingt rekrutieren sollte, wenn man FF VI spielt. Die Gründe dafür könnten sein, dass man es der Komplettierung halber macht oder dass diese Figuren wegen ihrer Fähigkeiten das Vorrankommen erleichtern. Hypothetisch ist es somit Imperativ, diese Figuren freizuspielen. Aber wenn einem nichts davon interessiert, ist es egal, wie jemand anderes ein Argument dafür auslegt. Es kann den Gegenüber nicht überzeugen und er wird dies folglich nicht umsetzen.

In diesem Falle versuchen unsere Helden vergeblich, Kefka mit ihren Argumenten zur Umkehr zu bewegen. Da jedoch keines von diesen für ihn von belangen ist, wird Kefka nicht von seinem Weg abgebracht. Genau das sagt sein berühmtes Zitat im finalen Kampf aus: „Life…dreams…hope…Where do they come from? And where do they go? Such meaningless things… I’ll destroy them all!“

Nietzsche: Der Wert von Sittlichkeit in einer zerstörten Welt

Kefka verkörpert exakt dieselben nihilistischen, zynischen, Leben-ist-sinnlos-Attitüden wie existenzialistische Philosophen. Das wäre allerdings eine grobe Vereinfachung.

Die existenzialistische Bewegung, wie sie durch Schriftsteller wie Fyodor Dostoyevsky (1821-1881), Friedrich Nietzsche (1844-1900) und Jean-Paul Sartre (1905-1980) bekannt wurde, drückt aus, dass wir zwar in einer Welt ohne Sinn geboren worden sind, es jedem Menschen aber frei steht, sich selbst einen Sinn zu suchen, den er für sich persönlich als wichtig betrachtet. Nietzsche erkannte die Gefahren eines nihilistischen Weltbildes, besonders einem, das einen Gott verneint. Trotzdem sah er in diesem Weltbild das größte Potenzial darauf eine Antwort zu finden – und das mehr als es andere Philosophen taten.

Focault wurde von Nietzsche dahingehend beeinflusst, dass er die Auswirkungen von geschichtlichen Ereignissen auf die moderne Gesellschaft untersuchte. Er prägte durch seine Skizzierungen den Begriff Genealogie (was moralischer Stammbaum bedeutet), das den Hauptteil seines bekannten Werkes „Der Ursprung der Moral“ ausmacht, das die Entwicklung der Moral näher beleuchtet.
Die Geschichte, die Nietzsche in seinem Werk beleuchtet, ist die Entstehung des Begriffs „gut“ und seiner Assoziationen, zum einen im Bezug auf Taten, Zustände etc. (gut oder schlecht) und zum anderen zum moralischen Zustand (gut oder böse). Zu jener Zeit, als die Welt sich in Aristokraten, Ritterschaft und der niederen Arbeiterklasse teilte, war „gut“ ein Begriff, den der Adel dazu verwendete, um sich selbst zu beschreiben. Sie empfanden sich selbst als würdig genug und als stärker, schöner, gesünder etc. Mit Abscheu (allerdings nicht mit Hass) blickten sie auf die niedere Schicht hinunter. Die niedere Schicht war aus ihrer Sicht „schlecht“, aber nur in dem Sinne, dass sie nicht wie der Adel waren.

Kefkas Beziehung zum Rest der Welt lässt sich wie folgt beschreiben: Er äußert unseren Helden gegenüber kein Wort der Feindseligkeit, kein Wort des Hasses, nachdem er zu gottgleicher Größe aufstieg. Das gleiche gilt für die Meinungen unserer Helden. Für die meisten Menschen wäre Kefka die Verkörperung des Bösen. Aber was genau ist eigentlich „böse“?

Laut Nietzsche begannen die niederen Schichten sich darüber zu ärgern, ständig von den Adeligen mit Abscheu betrachtet zu werden. Dies war besonders mit der Verbreitung des Christentums der Fall und so begann bei der Unterschicht ein Wandel der Definition des Wortes „gut“.
Aus dem selbstverständlichen Konzept, „gut“ bedeute Überlegenheit, redefinierten die Unterdrückten den Begriff. So war alles, was der Adel begehrte, „böse“, und „gut“ wurde das Gegenteil. Der Adel war stark und so wurde Schwäche eine Tugend. Der Adel war stolz und so wurde Bescheidenheit ein erstrebenswertes Ziel. Armut wurde als Segen angesehen, der den Charakter stärkte.
Mitgefühl und Selbstlosigkeit, die in der Welt eines Adligen keinen Nutzen hatten (besonders nicht in Bezug auf die Unterschicht), wurden die Eckpfeiler des moralischen, modernen Lebens. Mit der Zeit blieben diese Werte erhalten und formten so die moderne Definition von gut und böse. Nietzsche bezeichnet diesen Wandel sowie die daraus resultierenden moralischen Normen als „Sklavenaufstand“. Diese Normen sind bis heute gültig und auch unter dem Begriff „Sklavenmoral“ bekannt, der jedoch nur noch selten verwendet wird.

Wenn wir Kefka also voreilig als Böse bezeichnen, dann nur, weil er all jenes verkörpert, was unseren moralischen Normen widerspricht.

Die Welt, die Kefka durch seine Machtergreifung schuf, ist ein direktes Resultat dieser „Sklavenmoral“: Kefka peinigt all jene, die sich weigern zu akzeptieren, dass er als Gott gut sei und sie selbst minderwertig, wenn nicht sogar böse. Wenn sie das ohne zu rebellieren akzeptieren würden, ohne ihn als wahnsinnig abzustempeln, würde er sie vermutlich in Frieden lassen.

Stattdessen bitten sie um Verständnis, aber Verständnis ist eine Tugend, die Kefka nicht besitzt (und nie besessen hat) und das nur, weil es eine Tugend ist, die von denen angewendet wird, denen Macht fehlt. Tugend ist aber rationell unwichtig für Erhabenheit oder Gottgleichheit im Sinne der „Master Morality“ (die Moralvorstellung, die der des Adels entspricht).

Kefka: Übermensch oder gescheiterter Gott ?

Nietzsche äußerte die Vermutung, dass irgendwann in der Zukunft die widersprüchliche Art der „Sklavenmoral“ offensichtlich wird und sich einige Menschen erheben werden, um eine „Moral der Selbstverwaltung“ zu erschaffen. Dabei ist anzumerken, dass man diese moralische Form nicht als „besser“ oder „schlechter“ bezeichnen kann, da sich eine Moralform nicht durch eine andere Moralform bezeichnen lässt. Würden wir so einen „Übermenschen“ erkennen, wenn wir einen sehen? Ist Kefka ein Übermensch?

Obwohl Nietzsche durch das Zitat „Gott ist tot“ berühmt wurde, verstehen die wenigsten, wie Nietzsche es gemeint hat. Der Tod Gottes bezeichnet das Ende einer Ära, in der der Sinn des Lebens von einer religiösen oder anderen Autorität diktiert wird, die ihre Macht durch die moralische „Sklavenrevolte“ erhalten hat. Unsicherheit über das, was das Fehlen einer höheren Instanz nach dem Sturz eines autoritären Systems schließen wird, führt die meisten dazu, ihren Geist für Gedanken im Bezug auf „Gott ist tot“ zu verschließen. Interessanterweise hat Nietzsche den Charakter zu sagen, dass die Verkündung von Gottes Tod zu früh käme und dass die Menschheit noch nicht bereit sei, sich den Konsequenzen zu stellen, die eine neue, gottgleiche Existenz bringen würde, was durch die obige Aussage bewiesen wird.

Kefka ist der verkörperte Mangel an Bereitschaft zu glauben, dass auch ohne einen Gott Sinn oder Zweck auf der Welt vorhanden sind. Die Furcht davor, Gott aus dem Leben zu verbannen, lässt sich nur erklären, dass man wohl ein Fehlen Gottes mit der kompletten Vernichtung von allem, was man kennt, gleichsetzt. Kefka kann jedoch nicht zeigen, dass die Existenz des Lebens einen Sinn ergibt und das, obwohl ein Gott für einen gewissen Sinn zu stehen hat, wenn man den Religionen folgt. Kefkas Versäumnis, uns den Sinn jeglicher Existenz zu zeigen, beweist, dass die Furcht, Gott könnte tot sein, allgegenwärtig ist. Wenn Kefka trotz seiner Kraft und seines Wissens nicht in der Lage ist, einen Sinn für die Existenz zu finden, welche Chance hat dann erst ein einfacher Mensch einen zu finden?

Nietzsche wollte mehr als das, was Kefka uns geben kann. Kefka mag dem Übermensch, wie Nietzsche ihn beschrieb, auf den ersten Blick vielleicht ähneln, aber im Endeffekt ist er nicht mehr als ein falscher Prophet. Der echte Übermensch ist nicht nur in der Lage, Gott und die Moral zu übertrumpfen, sondern auch den Nihilismus.

Nietzsche umschrieb den Übermensch mit folgenden Worten: „Dieser zukünftige Mensch ist nicht nur dazu bestimmt, uns von dem herrschenden Ideal zu befreien, sondern auch von dem, was aus dem Fehlen dieses Ideals erwächst… der großen Übelkeit… dem Wille zum Nichtig sein, Nihilismus. Er ist der Antichrist und Antinihilist.“

Man sollte zudem anmerken, dass Kefka keinesfalls als Gott anzusehen ist, sondern nur gottgleiche Qualitäten besitzt. Dadurch, dass er vom Nihilismus überzeugt ist, liegt sein Antrieb in der totalen Zerstörung und nicht wie bei einem Gott im Akt einer Schöpfung.

Ist der Grund wirklich Wahnsinn?

Ist Kefka wirklich wahnsinnig oder agiert er nur, weil es das Beste für alle wäre?

Nach dem Abspann finden wir Charaktere vor, die eine Menge über sich und die Art auf dieser Welt zu leben gelernt, aber dennoch nicht die Erleuchtung gefunden haben und nichts von allem, was geschieht, in Frage stellen. Der Kampf mit Kefka konfrontiert sie mit den negativen Eigenschaften der Magie – mit Religion, Kontrolle und Autorität – und mit seiner Vernichtung als Gott der Magie galt es fortan, ohne sie zu leben. Man könnte sagen, dass Kefkas Machtergreifung und sein Fall die bestmögliche Situation repräsentierten, denn eine Welt ohne Magie ist zwar nicht komplett problemfrei und erst recht nicht utopisch, aber die Lehren, die man aus dem Schreckenszeitalter zieht, bringen die Menschen dazu, ihr Denkmuster weiterzuentwickeln.

Es mag stimmen, dass unsere Helden in dieser neuen Welt ums Überleben kämpfen, aber ihr größter Kampf wird auch der sein, der ihnen die größten Erfolge in Aussicht stellt und unter dem Banner steht, dem Philosophen seit Jahren dienen: Der Kampf, um dem Leben einen Sinn zu geben, wo keiner existiert.

Im Endeffekt muss jeder selbst entscheiden, ob er Kefkas Argumenten folgen kann. Alle von den Helden genannten Gründe entsprechen nur ihren eigenen, persönlichen Wünschen. Da Kefka aber nie über einzelne Personen spricht, sondern über die gesamte Menschheit, sind seine Beweggründe vollkommen plausibel. Denn in dieser Welt ist ein allgemeiner Daseinssinn, also ein Sinn, der sich auf alle gleich übertragen lässt, nicht existent.